Stellungnahme zu Belltower Artikel

Gegendarstellung und offener Brief an die Redaktion der Belltower News, die Autorin des Hetzartikels gegen mich und andere Personen und Gruppen der kulturkreativen Szene vom 16.11.2020, sowie alle Personen, Gruppen und Organisationen, an die dieser weitergegeben wurde.

30.11.2020

Richtigstellung:

Ich werde im Folgenden die tendenziös manipulierenden oder falschen Behauptungen des Artikels nur je einmal und der Reihe nach behandeln und nicht jedes Mal wiederholen.

1. Stichwort „antiemenzipatorisches Gedankengut“:

Siehe Text „Wes Geistes Kind wir sind“ vom Januar 2020. Der Text dürfte die emanzipatorischen Impulse der „Charta“ und unsere grundsätzliche Distanzierung gegen rechtes Gedankengut klar machen. Wer in diesem Wissen dennoch die grundlegenden Vorwürfe des Artikeln wiederholt, handelt gegen besseres Wissen.

2. Stichwort „Coronaleugner“:

Es mag ein paar echte geben. Aber es ist ein Kampfbegriff der Mainstream-Presse, Medien und Politik geworden, um Kritiker der staatlichen Maßnahmen pauschal zu diskriminieren. Ich kenne jede Menge Kritiker. Davon ist keiner ein Corona-leugner. Der Begriff verschleiert bewusst den Kern des eigentlichen Konfliktes: die Einschätzung der Verhältnismäßigkeit und der Folgen der Maßnahmen. Die Formulierung weiterhin pauschal gegen Maßnahmenkritiker einzusetzen hat in etwa den gleichen Wahrheitsgehalt wie wenn man alle Maßnahmenbefürworter, die der Einschränkung der Grundrechte nicht widersprechen, pauschal als Grundgesetzleugner bezeichnen würde.

3. Stichwort „..jenseits der repräsentativen Demokratie“:

(auch hierzu mehr im oben benannten Text und in der Charta selbst.) Wir haben die repräsentative Demokratie stets als Riesenfortschritt (z.B.gegenüber dem Absolutismus) bezeichnet. Dennoch scheint diese eine Demokratievariante in die Jahre gekommen zu sein und dem Bedürfnis vieler Menschen, ihr Leben und ihre Verhältnisse zunehmend selbst zu bestimmen, nicht ausreichend entgegenkommt. Mehr in Richtung direkter- und Basisdemokratie zu denken, ist legitim und ur-demokratisch.

4. Stichwort „verkürzte Kapitalismuskritik“:

Was verstehen Sie darunter? Die alte marxistische Kapitalismuskritik der Sozialisten war in ihrer Staatsfixiertheit nicht in der Lage, der Menschheit eine glaubwürdige Alternative zum Kapitalismus aufzuzeigen. Die eher regressive „Kapitalismuskritik“ der Rechten besteht eher aus zusammengeklauten Versatzstücken als aus einer in sich schlüssigen Theorie und ist per se obsolet. Die, die marxistische Kapitalismuskritik nicht verwerfende, wohl aber entscheidend erweiternde und vertiefende Kritik des sogenannten „Subsistenzansatzes“ (Mies, v.Werlhof und Bennholdt-Thomsen) ist für unsere Arbeit die wichtigste diesbezügliche Quelle. Das Buch „Patriarchat und Kapital“ von Maria Mies und unsere daraus abgeleiteten Vorstellungen als verkürzte Kapitalismuskritik zu bezeichnen, zeugt lediglich von Sachunkenntnis.

5. Stichwort „holocaustrelativierende Äußerungen“:

Vorweg eine erkenntnistheoretische Voraussetzung: ein Vergleich ist keine Gleichsetzung!

Man kann sehr wohl verschiedene Dinge und Umstände miteinander vergleichen, ohne sie damit automatisch gleichzusetzen. Vor allem im historischen Kontext ist es dabei wichtig, strukturell ähnliche und strukturell unterschiedliche Komponenten eines Zusammenhangs  unterscheiden zu können. Und wenn wir darauf hinwiesen, dass die gesellschaftlich ausgrenzende Komponente eines Impfzwanges oder Immunitätsausweises (die immer wieder von einzelnen Politikern eingebracht und dann meistens schnell wieder geleugnet wird) diesbezüglich eine gewisse Ähnlichkeit mit anderen stigmatisierenden Maßnahmen (wie zum Beispiel, den Zwang, einen Judenstern zu tragen) aufweisen, ist das keine Verharmlosung des Holocaust sondern die Feststellung einer Tatsache. Vor allem, wenn man den Kontext, in dem diese Aussage steht, mit bedenkt, ist es nachvollziehbar, dass dieser Vergleich hier nichts verharmlost, sondern im Gegenteil vor den Gefahren einer Wiederholung von Ähnlichem warnt.

6. Stichwort „Nationalsozialismus“:

Niemand von den ernstzunehmenden Maßnahmekritikern hat behauptet, wir würden jetzt in einer Nazidiktatur leben. Es gibt jedoch beim Vergleich der parlamentarisch-demokratisch einführten Diktaturen (im Gegensatz zu Militärputschen) Ähnlichkeiten im Entstehungsprozess. Die Diktatur Hitlers und sein Ermächtigungsgesetz sind 1933 nicht einfach so vom Himmel gefallen. Auch demokratisch gewählte bürgerliche Regierungen vor ihm hatten in der Endphase der Weimarer Republik zunehmend ohne Gesetze und nur mit Notverordnungen regiert. Wenn man nicht will, dass sich Geschichte einfach  erinnerungslos wiederholt, ist es legitim und notwendig auf gewisse Parallelen hinzuweisen, ohne die beiden Situationen damit grundsätzlich gleichzusetzen. Genau das haben wir in aller Differenziertheit getan und tun es immer wieder. Wer das gegen besseres Wissen als Gleichsetzung verunglimpft, verhindert, dass wir aus der Geschichte  lernen könnten.

7. Stichwort „die Violetten“:

Es ist richtig, dass ich sieben Jahre bis 2015 oder 2016 Mitglied der Partei „die Violetten war. Im Kontext des Artikels liest sich das allerdings so, also ob das etwas Böses oder Rechtes gewesen sei. Ich habe die Entwicklung der Partei seit meinem Austritt nicht mehr nachverfolgt, aber man täte der Partei in jenen Jahren Unrecht, wenn man sie als ein rechtes Projekt diffamieren würde. Ich bin damals ausgetreten, weil ich keine Chancen mehr sah, die libertären und basisdemokratischen Ideen der Charta in die Partei einzubringen, da dort zu wenig Bewußtsein und politischer Wille zu einer wirklich herrschaftskritischen Programmatik bestand.

8. Stichwort „Charta für ein Europa der Menschen und Regionen“

Das ist der korrekte Titel, nicht wie der Artikel formuliert „Ein Europa der Völker“. Wer die Charta aufmerksam liest, kann nicht leugnen, dass da von einem kulturell bunten Europa die Rede ist, das nichts mit irgendwelchen völkischen oder nationalistischen Ideen zu tun hat.

9. Stichwort „Antisemitismus“

Das ist der Hauptvorwurf in dem  alle anderen Vorwürfe zusammenfließen und mit dem,  gebetsmühlenhaft wiederholend, immer wieder auf alles und jeden eindroschen wird, der nicht haargenau nach Ihren Vorgaben denkt;  unabhängig davon, ob es von der Sache her gerade passt oder nicht. Die „Charta“ als antisemitisch zu diffamieren, entbehrt jeder Grundlage. Wenn der Begriff  Antisemitismus aber inflationär gebraucht wird, könnte er dadurch entwertet werden. Und darin sehe ich die Gefahr einer Verharmlosung.

10. Stichwort „Gesellschaft in Balance“

Der Verein ist weder eine feministische noch eine pseudofeministische Gruppe. Er bezieht sich vielmehr explizit auf die moderne Matriarchatsforschung und die kritische Patriarchatstheorie. Diese sind die Grundlagen seiner Bildungsarbeit und auch seiner patriarchatskritischen Politik. Und die „Freundschaft zwischen Frauen und Männern“ ist dabei ein zentrales Anliegen. Vielleicht hat die Fixiertheit auf das Digitale (die Ihr Logo ja enthält) die binäre Sicht auf die Welt so eingeengt, daß sie nur noch Dualitäten sehen und  die Schönheit und Vielfalt einer lebendigen Polarität wie der zwischen Frauen und Männern gar nicht mehr wahrnehmen können. Diese schließt niemanden aus (weder die sexuelle Identität, die sexuelle Orientierung oder sexuelle Vorlieben führen ja zwangsläufig zu den patriarchalen Rollenzuschreibungen! Diese werden erst von der patriarchalen Zivilisation geprägt.) und engt auch niemanden ein (jede und jeder von uns ist grundsätzlich frei in ihrem/seinem Selbstausdruck, unabhängig vom Geschlecht. Und die patriarchale Prägung weiblicher wie männlicher Klischees und Rollenzuschreibungen erwächst eben nicht aus unserer Natur, sondern wird durch gesellschaftliche Interessen geprägt). Dieser Unterschied zwischen Natur und Gesellschaft ist uns wichtig, Es geht gerade darum, diese gesellschaftlichen Zwänge durchschauen zu lernen.

Darüber hinaus können wir eine strukturelle Patriarchatsanalyse nicht auf das Verhältnis der Geschlechter zueinander reduzieren. Es geht eben auch um die anderen Fundamente, auf denen es beruht: Die Anpassung erzeugende Sozialisierung durch die zu enge Sozialstruktur der Kleinfamilie, die Legitimierung von Herrschaft durch den Staat, das Privateigentum an Lebensgrundlagen und Produktionsmitteln, die Umverteilungsmechanismen von arm zu reich durch das Finanzsystem und herrschaftslegitimierende Ideologien jeder Art.

Daraus folgt für uns die Perspektive des Ausstiegs aus dem Patriarchat. Dazu müssen die letzten 5000 Jahre sichtbar und verstehbar werden. Und dazu müssen wir auch als Frauen und Männer sichtbar bleiben. Wir werden uns nicht einer Strategie anschließen, die statt des Ausstiegs aus dem Patriarchat nun den Ausstieg aus der Zweigeschlechtlichkeit propagiert. Dabei halten wir reale Veränderungen hin zu einer substanziellen Gleichberechtigung in der gesellschaftlichen Wirklichkeit für wichtiger als intellektuelle Spitzfindigkeiten auf der Ebene sprachpolizeilicher Maßnahmen.

Getrennte Frauen und Männerrunden zur Vorbereitung gemeinsamer Entscheidungen sind ein erfolgreich erprobtes Mittel (vor allem in matriarchalen Zivilisationen, aber auch in Gemeinschaftsprojekten und anderen modernen Zusammenhängen erprobt), sowohl für Frauen, als auch für Männer, sich freier und authentischer zu äußern. Dadurch kann viel mehr an Kreativität und sozialer Intelligenz in die gemeinsamen Entscheidungen einfließen als durch die (im Patriarchat fast durchgehend üblichen) männlich dominierten gemischten Runden.

Wer davon keine Ahnung hat, keine eigenen Erfahrungen und sich auch nicht dazu schlauer machen will, sollte sich besser verächtlicher Wertungen dazu enthalten.

11. Stichwort „ Männerrechtsbewegung“

Meinen Sie damit eine  Bewegung für Männerrechte oder eine rechte Männerbewegung? Eine phasenweise getrennte (auseinandergehen, um besser zusammen zu kommen!) Jugend- und Initiationsarbeit ist schon aus den selben Gründen allein wie in Absatz 10 beschrieben gerade in emanzipatorischer Hinsicht äußerst wertvoll. Hier könnte man mal die eurozentristische Brille absetzen und auf die guten Erfahrungen von außereuropäischen Indigenen Kulturen diesbezüglich verweisen.

12. Stichwort „Erwachte Weiblichkeit“

Hier wird das Pamphlet unterirdisch und menschenverachtend. Spätestens die Art und Weise, wie das persönliches Erleben der Frauen in diesem Kontext verächtlich gemacht und diffamiert wird, raubt dem  Anspruch der Redaktion als „linke“ oder „feministische“  Moralinstanz den letzten Rest von  Scheinlegitimiät.

13. Stichwort „Anastasia“

Im Pamphlet werden ja noch eine Menge reale oder behauptete Verknüpfungen auch zu anderen Personen und Gruppen auf, denen sie völkische Esoterik, Verschwörungstheorien oder rechtes Gedankengut unterstellen. Da ich diese zum Teil nicht kenne, zum anderen Teil nicht beurteilen kann, ob an ihren Anschuldigungen was dran ist (vor dem Hintergrund des Pamphletes gegen mich müssen grundsätzlich auch Rufmordversuche gegen Unschuldige in Betracht gezogen werden), werde ich exemplarisch hier nur auf die Anastasia-Bewegung eingehen:

Generell können weder ich noch wir als Gruppe alle Mitglieder aller Gruppen und Vereine, mit denen wir kooperieren, persönlich kennen, geschweige denn alle deren weitergehende Kontakte überschauen. Wenn also ein Mitglied des Vereins „Erwachte Weiblichkeit“ Kontakte zu einer Anastasia -Gruppe oder -Veranstaltung hatte, dann gibt Ihnen das noch lange kein Recht, hier eine grundsätzliche Nähe zwischen beiden Gruppen zu unterstellen. Implizit verdächtigen Sie ja indirekt damit auch unseren Verein einer gewissen Nähe zu Anstasia. Mich hat diese Bewegung nie interessiert und nun habe ich mich aber ein bißchen schlau gemacht. Soweit ich weiß handelt es sich hier um Menschen, die dem Ruf „zurück, oh Mensch, zu Mutter Erde“ auf eine eher  regressive und  konservative Art folgen. Ob da etwas schlimmeres dahinter steckt, kann ich nicht beurteilen.  Und auch hier glaube ich, da gibt es solche und solche. Ich kann da jedenfalls keine geschlossene und für alle verbindliche Ideologie erkennen.

Auf jeden Fall kann ich die Bewegung als zukunftsweisendes Gemeinschaftsprojekt nicht  ernst nehmen, da die Leute wohl die patriarchale Kleinfamilie mit klarer Rollenzuweisung für Mann und Frau für die  Keimzelle ihrer neuen Gesellschaft halten. Es wäre also absurd, gerade uns als explizite PatriarchatskritikerInnen in eine ideologische Nähe dazu bringen zu wollen.

14. Stichwort: „08. März 2018 in Witzenhausen“

Bezeichnend, bei allen  Versuchen, Verknüpfungen herzustellen, wo gar keine sind, lassen sie eine andere ganz wichtige Verbindung und Thematik „zufällig“ weg. Weil sie nicht zu ihrer Diffamierungsabsicht passte? Bei unserer Veranstaltung im Rathaussaal in Witzenhausen am 08.03.2018 habe ich einen Einführungsvortrag gehalten zu einer ARTE Dokumentation, die wir dann in ihrer vollen Länge zeigten: „Die Frauen von Rojava“ Dabei geht es um die Rolle, vornehmlich der Frauen, bei der Bekämpfung des IS in Syrien. Es wird gezeigt, wie es in diesem Kampf nicht nur um eine militärische und politische Befreiung von Aggressoren und Besatzern geht, sondern gleichzeitig um den Ausstieg aus 5000 Jahren Patriarchat.

Oder aber vielleicht mag ihre Redaktion die Frauen von Rojava ja auch nicht, weil die nämlich gegen ihre wirklichen Feinde kämpfen und keine Spaltungen zwischen ihren Verbündeten fördern. Sie vernetzen nämlich alle Verbündeten durch ein einzigartiges Selbstverwaltungssystem, den Demokratischen Konföderalismus, an dem sich alle beteiligen, Frauen, Männer, Kurden, Araber, Schiiten, Suniten, Alewiten, Juden, Christen, Jesiden,Atheisten...Würde dieser einzigartige Friedensansatz nicht vom türkischen Militär und den Islamisten in seinem Gefolge immer wieder angegriffen, könnte er ein Leuchtturm der Hoffnung sein, auch für Israel und Palästina und den ganzen nahen Osten. Und zufällig weisen das Konzept des Demokratischen Konföderalismus und seine konkreten Strukturen sehr viele Parallelen zu den Strukturen auf, die wir in der „Charta“ vorschlagen.

Es wäre hilfreich und journalistisch üblich gewesen, bevor ihre Redaktion unbewiesene Anschuldigungen über mich verbreitet, mit mir ins Gespräch zu kommen.

In angemessener Distanz

Gandalf Lipinski

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