Wes Geistes Kind wir sind

Die Ideen und Impulse hinter der Charta

Wir leben in Zeiten zunehmender Spaltung, geistiger Verwirrung, politischer Orientierungslosigkeit, gezielter Desinformation und Fake-News. Und besonders in Bereichen, wo die Natur, das Lebendige oder Lebensdienliche gegen ihre Unterwerfung unter die reinen Profitinteressen verteidigt wird (in Landwirtschaft, Ernährung, Gesundheit u.a.) kommt es immer wieder zu Vereinnahmungsversuchen durch rechte Gruppierungen. Daher ist es uns, den Menschen, die hinter der Charta stehen, umso wichtiger, unmissverständlich klar zu machen, in welchen Traditionen wir stehen und in welchen nicht, was wir anstreben und was nicht. Wir wollen hier die geistigen und politischen Strömungen und Impulse kurz benennen, die uns inspiriert haben, die wir im Zusammenhang gedacht haben und die die politische Vision der Charta geprägt haben.

Da sich im Rahmen der genannten Verwirrungen manchmal auch rechtspopulistische Kräfte Details aus dem Themenfeld der Charta herausgreifen und zu eigen machen, ohne den Geist der Charta wirklich zu teilen, scheint uns gerade zu dieser Seite hin eine deutlichere Abgrenzung notwendig.

Grundsätzlich und ganz allgemein können wir sagen, dass uns alle politischen Impulse wertvoll erscheinen, die auf die Überwindung von Unterdrückung, Ausbeutung, Umwelt- und Gemeinschaftszerstörung und auf die Stärkung von Selbstbestimmung und Kooperation, auf Freiheit und Demokratie, Vielfalt und Herrschaftsabbau zielen. Das Patriarchat, der Kapitalismus, die Herrschaft des Geldes und eine Staatlichkeit, die in erster Linie diese Verhältnisse verrechtlichen und absichern soll, um deren Transformation geht es in der Charta.

Das heißt auch ganz klar: Demokratieabbauende Restaurationsbestrebungen, Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Nationalsozialismus, Faschismus und diesen nahestehende rechtspopulistische und andere, Herrschaft eher noch stärkende, Ideen gehören eindeutig nicht in das ansonsten weite, bunte und vielfältige Themenfeld der Charta.

Das 19. Jahrhundert

Wir stehen eher in einer linken Tradition, welche den Kapitalismus und die damit verbundenen Ausbeutungs- und Zerstörungstendenzen zu überwinden trachtet. Wir teilen jedoch nicht mehr die Staatsgläubigkeit der alten Sozialisten und haben versucht, auch jene systemkritischen Ansätze zu würdigen und zu analysieren (in genau dieser Reihenfolge!), die in den ideologischen Schlachten der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert keine Chance auf Gehör fanden.

Wir sehen sogar in der Romantik vor rund 200 Jahren bereits erste Bewusstseinsimpulse, welche die Destruktivität der späteren Moderne, der großen geldgetriebenen Megamaschine und eines blinden Fortschrittsglaubens erkannten oder erahnten. Schiller sei als Kronzeuge für den Willen zur Freiheit genannt, Hölderlin als Beispiel der Vorwegnahme eines späteren tiefenökologischen Bewusstseins. Das Kultur-  und Geistesleben eines Deutschland, welches zwischen 1806 und 1871 gar keinen Nationalstaat hatte, erreichte vorher oder nachher kaum wieder gesehene Höhepunkte.

Die Kriege gegen die napoleonische Besatzung und die damit verbundene Restauration der Fürstenmacht, wie sie sich im Wiener Kongress niederschlug, machten dieser ersten und eher von Künstlern und Intellektuellen getragenen Freiheitsbewegung ein Ende.

Die zweite Tradition, in die wir uns stellen, ist die deutsche Revolution von 1848/49. Das Parlament in der Frankfurter Paulskirche (in dessen Sitzverteilung sich zum ersten Mal in Deutschland die Adjektive links und rechts in einen politischen Zusammenhang stellten) verabschiedete zwar eine erste demokratische Verfassung, wurde jedoch kurz darauf von den Fürsten, namentlich der preußischen Armee, auseinandergejagt.

Die Pariser Kommune schließlich bildete 1871 den ersten rätedemokratischen Versuch der Moderne, der jedoch bereits nach wenigen Wochen vom vereinten französischen und preußischen Militär niedergeschlagen wurde.

Das darauf folgende bismarcksche zweite deutsche Kaiserreich war zwar eine Zeit des rasanten wirtschaftlichen, industriellen, technologischen und wissenschaftlichen Aufstiegs aber auch eine Zeit der verschärften Ausbeutung  der Arbeiter und der Repression gegen ihre Organisationen.

20. Jahrhundert:

Die Lebensreformbewegung und ihre Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus

In der letzten Dekade des neunzehnten Jahrhunderts und bis in die frühen Weimarer Jahre entfaltete sich jene große kulturkritische Bewegung, der wir heute so viel verdanken und die so wenig im öffentlichen Bewusstsein ist: Die Jugendbewegung und Lebensreformbewegung. Sie war getragen von bürgerlichen Kräften aber auch großen Teilen der Arbeiterjugend und verschiedenen Linken Kräften, die sich mit der staatsfixierten SPD nicht mehr identifizieren konnten. Unabhängige Geister, deren Gedanken oft als „dritte Wege“ (zwischen Kapitalismus und Sozialismus) bezeichnet wurden, wie z.B. Rudolf Steiner mit seiner Dreigliederung und Sylvio Gesell mit seinen revolutionären Ideen für eine demokratische Geldreform gehörten dazu. Aber auch jene Linken, die von Marx aus der ersten sozialistischen Internationale rausgeworfen wurden, weil sie die Staatsfixiertheit seiner Lehre nicht teilten. Viele Ideen der Anarchisten (Anarchie heiß nicht Chaos sondern Ordnung ohne Herrschaft!!!) und „utopischen“ Sozialisten flossen ein in die aufblühende Gemeinschaftsbewegung. Aber auch bürgerliche Reformgeister, Schwarmgeister wie Realisten, junge Menschen und Frauen suchten nach einem Selbstausdruck, den die enge Wilhelminische Gesellschaft ihnen nicht bot.

Das Feld der Themen reichte von der Kritik des Zinssystems über Gleichberechtigung, Frauenemanzipation, Jugendemanzipation, Gemeinschaftsbildung, natürlicherem und gesünderen Leben, Vegetarismus bis hin zu authentischeren Formen des spirituellen Lebens und vielem anderen. Was fehlte, war der gemeinsame Rahmen einer politischen Vision. Und daraus erwuchs dann auch die wichtigste politische Schwäche: die fehlende Abgrenzungsfähigkeit nach rechts.

Der Nationalsozialismus hatte eine „Vision“. Und er begann, vor allem in die Jugendbewegung einzusickern und sich dort Stichworte und Ideen herauszupicken, die man in die eigene Ideologie einbauen und diese damit attraktiver machen konnte. Die Kritik an der „Zinsknechtschaft“ sei nur als hervorstechendstes Beispiel genannt.

Was die Nazis aus dieser berechtigten Systemkritik gemacht haben, in dem sie alle systemisch/strukturellen Elemente daraus eliminierten und das Thema zu einem sündenbockorientierten völkisch rassistischen Projekt umgelogen haben, ist vielleicht auf der geistigen Ebene das folgenreichste Verbrechen an der Menschheit insgesamt. Jeder, der es wagt, das herrschende Finanzsystem und die Legalität seiner Eliten grundsätzlich in Frage zu stellen, muss bis heute damit rechnen, als Kritiker aus der rechten Ecke diskriminiert zu werden. Auch die Linke eiert jahrzehntelang lieber mit Minireförmchen oder  gelegentlichem Herumnörgeln an besonderen Auswüchsen herum, statt sich die Deutungshoheit  über zentrale Begriffe und Forderungen zurückzuholen.

Warum nimmt dieses Thema hier so viel Raum ein? Weil wir in einer historisch vergleichbaren Situation sind. In der allgemeinen Orientierungslosigkeit sind einige versucht zu glauben, wer wie wir das herrschende System grundsätzlich kritisiert, sei automatisch unser Freund. Dem ist nicht so!

Deshalb zeigen wir mit der Charta eine politische Gesamtvision auf, die in ihrer Gänze deutlich allen „Lösungsansätzen“ von rechts widerspricht. Und wir fordern alle Menschen auf, die sich für die Ideale interessieren, die vor mehr als hundert Jahren von unseren Vorfahren  formuliert wurden, sich an diesen Quellen direkt und im Original zu bedienen statt sich vom verwässerten, umgelogenen oder pervertierten geistigen Beutegut rechter Populisten oder Nazis blenden zu lassen.

Und bei allen, geostrategisch interessanten und politisch notwenigen Forschungen, den Faschismus als gesamteuropäisches Phänomen zu begreifen, die Förderung des Nationalsozialismus durch globale Finanzeliten zu analysieren und im Sinne Carl Amerys (Hitler als Vorläufer) vor einem kommenden „kalten“ Faschismus zu warnen, kann die eindeutige Verantwortung des deutschen Nationalsozialismus für die Gräuel des dritten Reichs, des zweiten Weltkrieges und des Holocaust dadurch weder relativiert noch verharmlost werden.

Von interessierter rechter Seite wird  der Faschismus oft als eine Art dritter Weg und eigenes Phänomen neben Kapitalismus und Sozialismus dargestellt. Das ist er mitnichten!

Er ist neben dem Mäntelchen der repräsentativen Demokratie lediglich ein zweites Kostüm des Kapitalismus. Als am Anfang des 20. Jahrhunderts das Kapital sich durch einen fast unaufhaltsam erscheinenden Siegeszug sozialistischer Befreiungsbewegungen und Revolutionen bedroht sah, trat man auf die Notbremse. Der bis dahin nützliche repräsentative Parlamentarismus schien nicht mehr Herr der Lage zu sein und die revolutionären Geister bändigen zu können. Also zog das System den Kampfanzug des Polizeistaates hervor und förderte in vielen Ländern Europas den Aufbau faschistischer Parteien.

Deren Aufgabe war es, nicht etwa die konservativen Rechten, sondern die linken Massen durch Anbiederung, Täuschung, Übernahmen von deren Symbolen und auch einiger ihrer Themen in monströser und perverser Weise umzudrehen.

Die italienischen Faschisten kamen schneller zum Zuge, dafür war die Perversion des deutschen Faschismus seelisch, politisch und geistig noch um einiges radikaler. Faschistische Parteien bekamen damals jedoch in sehr vielen Ländern Europas massenhaften Zulauf, auch in Ländern, in denen sie nie an die Macht kamen, wie zum Beispiel in England. Und auch die Finanzeliten in den USA waren am Aufbau der NSDAP und der SA beteiligt.

Das mindert die Schwere der Verbrechen europäischer Faschisten und speziell der Nazis auch nicht um ein Milligramm! Es sollte uns aber die Augen öffnen gegenüber der Skrupellosigkeit des globalen Kapitals, wenn es um seine geostrategischen Interessen geht.

Die Charta und das 21. Jahrhundert

Die Arbeit an der Charta begann 2009 mit einer Art Synopse der Freiheitsbewegungen, Reformen und Revolutionen der letzten 200 Jahre. Wir haben auch ein gutes Dutzend Verfassungen studiert, von den französischen Revolutionsverfassungen bis heute. Vor diesem Hintergrund ist unsere aktuelle deutsche Verfassung, das Grundgesetz eine der humansten und demokratischsten Verfassungen der Welt. Allerdings deutlicher in seiner ursprünglichen Fassung als in der heutigen!

Und wir teilen die Auffassung von Prof. Johannes Heinrichs, dass unser derzeitiges repräsentatives parlamentarisches System nicht mehr im Sinne seiner Gründer funktioniert, wir also in einer Halb- bis Vierteldemokratie leben. Das soll nicht die relative Freiheit diskriminieren die wir in dieser Gesellschaft erleben. Am globalen Standard gemessen leben wir fast im Paradies. Es soll aber unsere wichtigste Grundthese untermauern: Wenn wir die Demokratie verteidigen wollen, müssen wir sie weiterentwickeln!

Die drei wichtigsten Komponenten dazu seien hier in aller Kürze benannt:

  • Dezentralisierung und Regionalisierung.
  • Basisdemokratische Organisation der Regionen von unten her und subsidiärer Charakter der darauf aufbauenden Föderationen.
  • Entwicklung einer auf Gemeinschaftsbildung gestützten politischen Kultur der Selbstverwaltung mit dem geistigen Focus auf Gemeinwohlorientierung, Naturverträglichkeit und der Überwindung der Herrschaft von Menschen über Menschen.

Dazu ein paar Stichworte im Einzelnen:

Dezentralisierung und Regionalisierung:

Wir gehen davon aus, dass die meisten Probleme und Herausforderungen leichter und nachhaltiger lösbar sind, wenn sie in überschaubaren Zusammenhängen und unter demokratischer Mitwirkung möglichst aller, die davon betroffen sind, geplant und entschieden werden. Zu große Systeme (sowohl Nationen, wie auch Konzerne oder Behörden) neigen unabhängig von ihrer Ideologie aus Eigendynamik zu zentralistischen Vereinheitlichungen, Bevormundung von Menschen, Gemeinschaften, Regionen und anderen lebensfeindlichen Herrschafts-Mechanismen.

Ein Europa aus einigen hundert autonomen Regionen (von denen keine so groß und mächtig ist, dass sie den anderen ihren Willen diktieren kann), die in vollem Sinne souverän bleiben, auch wenn sie sich zur Lösung ausgewählter Aufgaben zu Föderationen verschiedenster Art verbinden, ist die Alternative der „Charta“ zu einer immer zentralistischer werdenden EU und dem Abbau der Rechte der nationalen Parlamente.

Basisdemokratie und echte (d.h. auch politische!) Subsidiarität:

Das System der repräsentativen parlamentarischen Demokratie ist zunehmend lern- und handlungsunfähig geworden. Statt den substantiellen Souveränitätsverlust der nationalen Parlamente nur folgenlos zu beklagen oder gar den übernationalen Strukturen noch mehr Aufgaben zu überlassen, zeigt die „Charta“ Wege auf, Demokratie von unten her zu entwickeln. Ausgehend von überschaubaren Basiseinheiten, werden neue Wege gegangen, um eine nachhaltig demokratische Gesellschaft von unten nach oben zu gestalten.

Die „Charta“ schlägt konkrete Strukturen vor, in denen die abstrakte Idee von der Souveränität des Volkes praktisch verwirklicht werden kann. Möglichst viel umfassende und auch politische Kompetenz schon in den Basiseinheiten, direkte Demokratie, Rätestrukturen und das gebundene Mandat auf allen Ebenen bilden den Unterbau, auf dem  die politische Legitimation und Autorität der Räte der autonomen Regionen ruht. Diese vernetzen sich zwar ihrerseits nach den gleichen basisdemokratischen Prinzipien zu Föderationen, geben ihre Souveränität aber nicht an diese ab.

Ausstieg aus der Herrschaft von Menschen über Menschen:

Eine sich im Sinne der „Charta“ von unten her basisdemokratisch entfaltende Gesellschaft zielt letztendlich auf eine Überwindung des Systems der Herrschaft von Menschen über Menschen. Dazu schlägt die „Charta“ auch Prinzipien und Verfahren vor, die bisher nicht zum Repertoire klassisch-politischer  Strategien zählten. Um Basisdemokratie ganzheitlich und mit den Erfahrungen und dem Wissen derer zu vitalisieren, die auf anderen als den offiziell politischen  Wegen der Mainstream-Zivilisation gegangen sind, sieht die „Charta“ unter anderem vor:

Basisgemeinschaften, die nicht größer sind, als dass sich die Menschen noch von Angesicht zu Angesicht kennen. Diese bilden gleichermaßen die Grundlage gegenseitiger Daseinsfürsorge und der politischen Willensbildung.

Den gegliederten Konsens (getrennte Frauen- und Männerrunden vor  wichtigen Entscheidungen)

Die paritätische Delegation ( jeweils gleich viel weibliche wie männliche Delegierte, die in einen Rat entsandt werden)

Das gebundene Mandat (die Delegierten sind gebunden an die Aufträge der sie entsendenden Basis. Bei Gewissenskonflikten geben sie ihr Mandat zurück.)

Sowie Kommunikationsverfahren zu umfassender Beteiligung aller, die im Rahmen der humanistischen Psychologie, der Gemeinschaftsbildung und der modernen Tiefenökologie entwickelt wurden sowie erfolgreich erprobte ähnliche Verfahren aus Matriarchatsforschung und der Weisheit europäischer und außereuropäischer Kulturen.

Persönliche Abschlußbemerkungen:

Durch Matriarchatsforschung und die kritische Patriarchatsforschung können wir schließlich unser Verständnis für die lange Reihe der Befreiungsimpulse auch vor der Romantik und der französischen Revolution vertiefen: Für die Bauernrevolutionen und Widerstände gegen Hexenverfolgungen, die am Beginn der Neuzeit stehen und sowohl den Beginn des Kapitalismus als auch die Eroberung der Welt durch Europa begleiten; für den Spartakus-Aufstand als bekanntester  Ausdruck des Widerstandes der Sklaven gegen die erste, römische„Globalisierung“ in der Antike; sowie für den weltweiten Widerstand egalitärer Gemeinschaftskulturen gegen den Siegeszug patriarchaler Raubkriegswirtschaft vor tausenden von Jahren. Wenn wir das Gewordensein der Grundstrukturen unserer heutigen Zivilisation besser verstehen, brauchen wir weniger Fehler der Befreiungsbewegungen zu wiederholen und können effektiver als bisher unterscheiden, was es jeweils braucht, und was nicht.

Gandalf Lipinski im Januar 2020

Erstes Posting: https://charta-demokratiekonferenz.org/wp-content/uploads/2020/06/Wes-Geistes-Kind-wir-sind-1.pdf

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